Noa Sternberg

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Tagebuch einer sich neigenden Zeit

IMGP9885-150x150 in Noa SternbergDer Sommer neigt sich dem Ende zu. So pflegen die Leute zu sagen, wenn die Bäume beginnen, Laub abzuwerfen, der Wind ihnen respektlos durch das Haar fährt und sie fröstelnd überlegen, in welchem Winkel sie ihre Übergangsjacke verstaut haben.
Mir schwindelt, denn ich fühle dass wir, mein Liebster und ich, uns in einem Zeitfenster des Übergangs bewegen. Die Zeit neigt sich einem Ende zu. Ich werde Anna kennenlernen.

Nichts ist leicht. Es ist nicht leicht, zu einem Hospiz zu fahren und das erste mal über die Schwelle zu treten. Es ist nicht leicht, eine Tür zu öffnen, hinter der etwas lauert, was man sich so sehnlichst wegwünschen möchte. Mein Liebster atmet schwer und ich kann fühlen, dass er sich fürchtet.

Anna ist leicht. Zerbrechlich wie ein Vogel sitzt sie auf einem mit unzähligen Kissen gepolsterten Gartenstuhl auf der kleinen Terrasse. Ich falle in ihre großen grünen Augen. Ich freue mich so, sie zu sehen.
Wir reden. Sie spricht leise und das Atmen fällt ihr schwer.
Sie genießt drei Löffel unseres Mitbringsels, einer selbstgemachten Gemüsecremesuppe, die glücklicherweise den Transport in der Isolierkanne unbeschadet überstanden hat.
Wir packen die Gitarre aus und singen für sie. Mit halb geschlossenen Augen lauscht sie den Klängen. Ich habe Mühe zu singen, wo ich doch einen klobigen Schrei in der Kehle spüre. Wie kann es sein, dass diese funkelnde Seele in einem Körper wohnt, der so schwach geworden ist?
Ihre Augen wirken jung, doch ihre Haut ist nun durchscheinend und möchte uns täuschen.
Sie wirkt wie ein alte Frau.
Alles was sie sagt, berührt mich. Sie spricht von dem, was sie wünscht, plant, von dem was sie fürchtet.
Die Zeit, die sich so grausam früh für sie neigt, lässt kaum Zweifel daran, dass vieles nie geschehen wird. Anna lehrt mich in diesem Moment, dass es legitim ist, zu hoffen, solange man es möchte.
Hoffnung untersteht nicht dem Gesetz der Vernunft.
Ein Pfleger hat sie sehr verletzt, weil er ihr sagte, sie sei hier nicht zum Gesundwerden, sondern zum Sterben. Weiß er denn nicht, dass es nicht einfach ist zu Sterben, wenn man eine Welt zurücklässt? In Annas Welt gibt es einen liebenden Ehemann, zwei Kinder und viele Freunde. Und es gibt Annas Liebe zum Leben, Annas Seele, die lieber tanzen möchte als ruhen.

Anna spricht über ihre Hoffnung, doch noch gesund zu werden. Sie möchte sich beraten lassen, ob eine weitere Chemotherapie sinnvoll ist. Sie spricht über ein Buch, das ihr Kraft gibt, weil darin steht, dass jeder leben kann, wenn er sein heiles Inneres zu fassen kriegt. Mir wird flau im Bauch. Ich bin selbst krank und stets auf der Suche nach Kraft. Ich glaube an mein heiles Inneres. Aber ich glaube nicht, dass all jene, die schon gestorben sind, Versager waren. Ich bin überzeugt, sie sind nicht aufgrund eines Fehlers gestorben, den sie gemacht haben. Die sich neigende Zeit, das große Warum, das traurige Zittern und die Angst begreife ich mehr als mir wenig bekannte Gefährten auf diesem Weg.
Anna sagt, dass sie mit ihren Kindern über ihren möglichen Tod gesprochen hat.
Ich bewundere sie für ihre Offenheit.

Wir gehen, kurz nachdem Annas Familie eingetroffen ist. Die Kinder toben lachend über die Wiese in Richtung Spielplatz. Ihre Schuhe lassen wilde Pusteblumensamenwolken aufwirbeln. Der Wind trägt sie fort.

Wir gehen Hand in Hand, wortlos gehen wir. Der Wind trägt uns fort.

In den Wochen darauf telefonieren wir einige Male. Anna entscheidet sich für eine neue Chemotherapie. Ich freue mich darüber, wie ihre Stimme klingt. Sie klingt wie die Stimme einer Frau, die das tut was sie möchte.
Nachdem wir sie einige Male nicht erreichen konnten, ruft ihr Mann zurück. Anna musste die Therapie abbrechen, ihr Körper konnte ihr nicht standhalten. Sie ist im Moment zu schwach um zu sprechen.
Ich bete jeden Tag. Ich bete nicht darum, dass sie gesund wird, dass sie lebt. Ich bete ganz offen darum, dass der Weg der vor ihr liegt ein guter sein möge. Ich konzentriere mich, falle in ihre grünen Augen und spreche ihr Mut zu. Kein Weg dieser Welt ist so, wie man ihn sich erhofft.
Anna sprach davon, dass sie nicht in einem Augenblick des Schmerzes gehen möchte. Sie möchte einen friedlichen Abschied. Genau einen solchen erbitte ich für sie. Liebe Zeit, ich bitte dich. Neige dich sanft.

Ihr Mann hat grade erneut angerufen und uns mitgeteilt, dass es zu Ende geht. Wir haben Tränen in den Augen. Es ist so ein kostbares, großes „Es“, was da zu Ende geht. Wie kann das sein?

Mein Liebster hadert. Er verliert sich in zerstörerischen Gedankenspiralen. Ich finde es nicht egoistisch, wenn man jemanden lieber bei sich behalten möchte. Ich sage: „Weil du sie lieb hast.“
Er schweigt. Er schweigt viel in diesen Tagen. Wir müssen uns Zeit lassen. Doch diese Zeit hat mein Vertrauen verspielt. Ich möchte sie bezwingen und doch sollte ich sie lassen.
Nichts ist leicht.

Nun ist sie tot. Ein paar Tage später kommt ein grauer Brief mit einem Pusteblumensamen darauf. Wir sind eingeladen zur Trauerfeier und Beisetzung, sowie zu einem anschließenden Beisammensein. Meine Gefühle sind nicht mehr mit Worten beschreibbar. Ich habe nur noch Tränen und Farben, Töne und Gerüche. Es ist nicht leicht, aber es ist im Fluss. Meine Seele wird für dich tanzen, Anna.

Nun ist es soweit. Wir feiern deine Abschied, Anna.Wir feiern ihn so, wie du und deine Familie es schön finden. Die Bezeichnung „schön“ macht mir wieder ein Gefühlsknäuel in den Bauch. Ich versuche es weg zu singen. Dein Sarg ist von deiner Familie und deinen Freunden bemalt worden. Ich sehe viele Tiere und Muster und Farben. Sie verschwimmen ineinander weil ich weinen muss.

Wir gehen zu deiner Grabstelle.
Es ist so schwer zuzusehen, wie sich der Sarg in die Erde senkt. Ich kann keine Erde hinterherwerfen. Das Geräusch ist zu schlimm für mich, jetzt wo ich so traurig bin. Das ist doch in Ordnung für dich, Anna?
Es sind Rosenblätter da in allen Farben. Die darf man auch werfen und genau das tun wir.
Viele Gäste haben Sonnenblumen mitgebracht, ohne sich abzusprechen. Wie schön.
Als alle sich am Grab verabschiedet haben, sind noch viele Rosenblätter übrig. Dein Mann und die Kinder werfen sie mit vollen Händen hinein. Der Wind spielt mit ihnen und lässt sie tanzen. Sie tanzen für dich, Anna.

Nun essen wir zusammen, erinnern uns, lauschen wilder Bandoneonmusik, die du so liebtest. Ich kann nicht viel reden, Trauer ist anstrengend. Aber ich genieße es, hier zu sitzen und zu sehen, dass die Kinder und auch deine Mann es schaffen, Weinen und Lachen ganz dicht beieinander zu haben. Jeder im Raum hat jemanden, an den er sich wenden kann. Es herrscht eine gute Nähe hier.
Am Ende hat deine kleine Tochter das Baby deiner Freundin auf dem Arm und strahlt.
Nichts ist leicht. Aber ich habe große Hoffnung, dass es für jeden hier wieder leichter wird. Denn alles ist im Fluss.

Kategorie: Austausch
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  1. Julieschrieb am 13. Oktober 2011 um 13 Uhr 31:

    ….bin berührt….

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