Moritz Clauß

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Sterben lassen

Unendliche Weite-150x150 in Moritz ClaußZitternd legst du den Hörer auf. Kannst nicht sprechen, willst nicht sprechen, aber du siehst mich an und dein Blick sagt mir alles. Alles was ich wissen muss. Was ich nicht wissen will, was niemand wissen will, aber jetzt weiß ich es und weiß doch nichts. Ich drehe mich um und gehe nach draußen. Will nicht, dass du siehst wie ich weine. Will nicht, dass du siehst wie der über die Wochen aufgebaute Schutzwall um mich herum zu bröckeln beginnt, rissig wird, Stück für Stück zusammenbricht und einfach nur noch ich dastehe, klein und allein in einer viel zu großen Welt. Kloß im Hals sagt man zu diesem Gefühl, wenn das zwanghafte Schlucken beginnt und der Atem für eine kurze Zeit stillsteht. Ich habe einen Kloß im Hals.

Langsam gehe ich die belebte Straße entlang. Renne nicht weg wie im Film, denke auch nicht an Selbstmord. Ich gehe einfach nur die Straße entlang und links von mir spielen Kinder und rechts von mir spielen Kinder und ein paar Meter vor mir geht eine junge Familie spazieren im Abendlicht. Sie alle lachen und mittendrin bin ich und möchte sie anschreien. Möchte sie alle anschreien, denn sie sollen aufhören. Aufhören zu spielen und aufhören zu lachen, denn ich spiele nicht und ich lache nicht. Und ich schreie nicht, ich gehe weiter. Vorbei an den Häusern, vorbei an den Straßen, vorbei an den Menschen, bis zum See.

Der See ist still. Ich bin… still… sitze da, schaue hinaus auf das Wasser und versuche das Leben zu begreifen. Nur begreife ich nichts, ich weine. Die Tränen fließen meine Wangen hinunter, suchen sich ihren Weg über meine Haut, vernebeln mir die Sicht. Immer mehr Tränen werden zu reißenden Strömen, unaufhaltsam, ohne Kontrolle und ich beginne sie loszulassen. Weine mir den Schmerz aus dem Kopf, den Kloß aus dem Hals, die Last aus dem Körper. Weine bis ich nicht mehr weinen kann. Bis ich fertig bin, die Tränen versiegen und ich schaue hinaus auf den See und denke an Früher.

Denke an Ferien im Frühling und baden gehen im Sommer. Denke an das Lachen und das Weinen und das Streiten und an warmen Tee an einem kalten Winterabend. Daran, wie wir zusammen gespielt haben. Uns zusammen über Dinge gefreut haben, die nur wir verstehen konnten. Und dann denke ich an das Leiden. Anrufe aus dem Krankenhaus, Gespräche mit den Ärzten. Das Warten, Abends im Bett und das Aufatmen nach der Operation. Ich denke an das Hoffen, die Erleichterung und wie zerbrochene Hoffnung das Leben mit Füßen tritt. Das hilflose Zusehen beim langsamen Sterben. Das viel zu langsame sterben lassen. Der Wunsch: alles soll vorbei sein. Zitternd legst du den Hörer auf, und alles ist vorbei.

Kategorie: Austausch
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