Komm an meine grüne Seite

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Ein anonymes Rasengrab irgendwo auf einem deutschen Friedhof: Wo ein in den grünen Teppich geschnittenes Quadrat auf eine kürzlich stattgefundene Beisetzung schließen lässt, flackert trotzig ein rotes Grablicht im lauen Morgenwind, daneben recken bunte Blumen ihre noch frischen Blüten über den Rand einer Vase. Bald wird der Friedhofsgärtner den Farbfleck auf dem Grün entfernen und die namenlose Ordnung wieder herstellen… sicher nicht zum letzten Mal.

Der Trend zur anonymen Beisetzung ist ungebrochen. Fast 50% der Deutschen in den Großstädten entscheiden sich mittlerweile für ein namenloses Grab unterm grünen Rasen. Und es sind nicht nur alte, sozial Schwächere und allein stehende Menschen, die diesen Wunsch hinterlegen. Auch Familienväter mit Kindern verfügen zunehmend ein anonymes Begräbnis. Hierbei handelt es sich in erster Linie um Urnenbeisetzungen. Anonyme Sargbestattungen sind zwar grundsätzlich möglich, werden jedoch nicht von jedem Friedhof angeboten. Das Erschreckende an dieser Entwicklung: Vielen Angehörigen wird erst im Nachhinein bewusst, was es bedeutet, keinen Ort für ihre Trauer zu haben. Nicht selten wollen sie den Verstorbenen umbetten lassen. Das ist jedoch in den meisten Fällen nicht möglich, da nur das Grabfeld bekannt ist, nicht aber die genaue Stelle.

Die Reue über die getroffene Entscheidung führt bei Hinterbliebenen oftmals zu großem seelischen Leid. Da steht ein Sohn drei Wochen lang Tag um Tag an der Friedhofsmauer in der Hoffnung, beobachten zu können, wo die Urne seines Vaters, dem er sich erst kurz vor dessen Tod, nach langer Entfremdung wieder annäherte, der Erde übergeben wird. Da sucht eine Witwe, die ihren Mann am Abend zuvor nicht bei seinem letzten Gang begleiten durfte, das einförmige Grün nach Spuren frisch umgegrabener Erde ab, um dort eine Kerze und Blumen abzulegen. Da äußert ein vierjähriges Kind den Wunsch, das Grab des zwei Jahre zuvor verstorbenen Vaters zu besuchen und erfährt, dass das nicht möglich ist…

Solche Geschichten gibt es viele – „Geschichten von Menschen, die in ihrer Trauer stecken geblieben sind, weil ihnen – was sie vorher nicht bedacht haben – das Grab fehlte“. Wenn „Tote namenlos verschwinden, besteht die Gefahr, dass sie zu Vermissten werden, die die Lebenden noch Jahre später ungut beschäftigen und einen Neubeginn nicht zulassen“, betont der Bestatter Fritz Roth, der 2006 den ersten Privatfriedhof Deutschlands gründete, auf dem es fast keine Regeln gibt und die Gräber individuell gestaltet werden können.

Protest gegen die strengen Gestaltungsvorschriften auf deutschen Friedhöfen ist sicher ein Faktor, der den Trend zur anonymen Beisetzung befördert. Der Hauptgrund scheint in der Auflösung der traditionellen Familienstrukturen und dem bedeutungslos Werden Sicherheit gebender Riten zu liegen. Nicht umsonst hat die anonyme Beisetzung im ländlichen Raum auch heute noch kaum Bedeutung. In den urbanen Lebenswelten ersetzt das zweckrationale Kosten-Nutzen-Kalkül metaphysische Systeme. Früher war der Tod wie Geburt und Heirat ein natürlicher Bestandteil des Lebens und wurde mit entsprechenden Übergangsriten begangen:

„[...] Der Tod eines einzelnen Menschen veränderte auf feierliche Weise den Raum und die Zeit einer sozialen Gruppe. Man schloss die Vorhänge im Zimmer des Sterbenden, zündete Kerzen an, sprengte Weihwasser aus. Das Haus füllte sich mit Nachbarn, Angehörigen und Freunden, die im Flüsterton sprachen und sich ernst und gemessen benahmen.“ Nach dem Gottesdienst geleitete ein „von den Straßenpassanten ehrerbietig gegrüßter Trauerzug den Sarg zum Friedhof. [...] Danach, ganz allmählich, nahm das Leben wieder seinen gewohnten Gang. [...] Die soziale Gruppe war vom Tode angerührt worden und hatte kollektiv reagiert [...].“

(aus Phillipe Ariès, Die Geschichte des Todes)

Noch in den fünfziger Jahren versammelte sich die ganze Familie um das Bett des Verstorbenen und hielt Totenwache.

Heutzutage wird der Tod weitestgehend aus dem Bewusstsein verdrängt. Rund 95% der Menschen sterben nicht mehr zuhause, sondern – oft einsam – in Pflegeheimen oder Krankenhäusern. Unser Sterben wird ausgelagert aus dem häuslichen Bereich.

Das Leben verläuft nicht mehr in Phasen, sondern erscheint als eine Kette von Etappen auf dem Weg zum finanziellen Aufstieg, die jäh durch den Tod abreißt. Wie der Mensch die Natur für seine Zwecke instrumentalisiert, versachlicht er auch sich selbst und versucht der peinlichen Tatsache, dass auch ihn irgendwann der Tod ereilen wird und er zu nichts mehr nutze ist, durch die Verfügung einer zweckrationalen Entsorgung zu begegnen.

Wir möchten zum erneuten Nachdenken über das Thema anonyme Bestattung anregen, wollen jedoch in keinem Fall, wie der Sozial- und Kulturhistoriker Norbert Fischer es Kritikern unterstellt, einer „richtigen Bestattungskultur“ oder einem „Ideal der individuellen Grabstätte“ das Wort reden. Uns ist es wichtig, dazu beizutragen, dass eine lebbare, den heutigen Bedürfnissen angepasste Trauerkultur sich entwickeln kann.

Ebenso wenig haben wir berufsspezifische Interessen im Blick. Wäre dies der Fall, erübrigte sich das Schreiben dieses Textes, da wir als Bestatter nicht von der Art des Grabes, sondern von der Trauerfeier profitieren und die wird bei anonymen Beisetzungen – vielleicht weil Schuldgefühle das Gewissen der Hinterbliebenen belasten – oftmals sogar aufwendiger gestaltet. Ginge es uns also um den Profit, könnten wir zufrieden sein, ja müssten sogar zu anonymen Beisetzungen raten und die Schuldgefühle kräftig schüren, um im Nachhinein mit einer psychologisch begleiteten AAAB-Gruppe (Anonyme Angehörige Anonym Bestatteter, 12-Schritte-Programm: „Lerne hinzunehmen, was du nicht ändern kannst.“), die wir zu einem bundesweiten Netzwerk ausbauen würden, an eben diesen Personen noch mal richtig abzukassieren. Zynismus beiseite. Uns geht es um die Tatsache, dass sich offenbar der Trend zur zweckrationalen Lösung an der Psyche des Menschen vorbei verselbständigt hat.

Die Autorin Dr. Barbara Happe bezeichnet das Bedürfnis nach einer „Erinnerungskultur“ als eine „menschliche Grundhaltung“, als „ein universales Phänomen“. Auch unsere Erfahrung zeigt, dass sich Angehörige gegen ein anonymes Grab entscheiden, wenn sie erfahren, dass ein Reihengrab ebenso kostengünstig sein kann und zudem andere pflegefreie Alternativen, wie Ruheforst/Friedwald und Urnengemeinschaftsanlagen zur Wahl stehen. Selbst wenn man, wie Fischer, die Entwicklung als „eine neuerliche Zäsur in der Bestattungsgeschichte anerkennt“, bleibt zu konstatieren, dass es an einer damit konform gehenden Sprachkultur und dem nötigen Feingefühl mangelt. Da werden Hinterbliebene und Menschen, die vorsorgen möchten, mit absurden Wortschöpfungen wie „halb-anonym“ oder der Unterscheidung zwischen „namenlosen“ und „unbekannten“ Grabstätten verunsichert, da variieren die Preise für die gleiche Beisetzungsart von Friedhof zu Friedhof.

Im Sinne der Hinterbliebenen sind Friedhöfe dazu angehalten, transparente Angebote zu entwickeln und durch die Einführung flexiblerer Regelungen die Entwicklung einer neuen Trauerkultur mitzugestalten. Bestatter sind dazu aufgerufen, statt sich auf den Verkauf toter Ware (Särge, Urnen, Totenhemden…) zu konzentrieren, den Lebenden verstärkt eine Beratungsdienstleistung/Begleitung in der Form „Zeit für ihre Trauer“ anzubieten. Krankenhäuser, Polizisten und andere Menschen, die mit Hinterbliebenen kurz nach dem Tod eines Angehörigen in Kontakt treten, sollten diese auf ihr Recht hinweisen, bis zu 36 Stunden mit ihrem Verstorbenen verbringen und in Ruhe Abschied nehmen zu können, anstatt auf einen schnellen Abtransport zu drängen.

Perikles, Politiker im alten Griechenland, schrieb einst, ein Volk werde danach beurteilt, wie es mit seinen Toten umgeht. Was unsere Gesellschaft anbetrifft, würde er sich wahrscheinlich Christina Mattes’ Worten anschließen: „Wo nur noch grüne Wiese wäre, wäre über uns zu lesen: Sie waren sich und einander nichts wert, sie waren nicht stolz auf ihr Leben.“

In diesem Sinne: „Komm an meine grüne Seite.“

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