Traurig liegt er auf der Fensterbank
Traurig liegt er auf der Fensterbank. Der Blick des Engels geht ins Zimmer. Dort hat sie immer gesessen und hinausgeblickt, hinaus ins Grüne vor ihrem Haus.
Und der Engel hat immer wieder auf der Fensterbank gelegen. Man sieht ihm sein Alter nicht an. Eine alte Tante hatte ihn zur Hochzeit geschenkt. Er hat die beiden begleitet, damals in den jungen Jahren der Ehe, die Kinder sind größer geworden, Kindergarten, Schule, Ausbildung. Irgendwann haben sie das Haus verlassen. Die Enkelkinder sind immer wieder zu Besuch gekommen, haben auch nach dem Engel gefragt. Die beiden haben die Enkel genossen, die gemeinsame Zeit. Urlaub noch einmal in Spanien, Wandern in den Bergen, Spazieren am Strand. Dann war sie alleine. Sie lebte gerne in der Erinnerung. Aber nicht nur; sie musste raus, sie musste sprechen, besuchen, Besuch empfangen. Es war eine schöne Zeit, aber sie lebte im Hier und Jetzt. Immer wieder hatte sie bei der jungen Nachbarin angeklingelt und gefragt, ob sie nicht ein wenig ausschlafen möchte. Das Kind habe so lange geweint in der Nacht, sie sei jetzt bestimmt müde. Später hatte sie angeboten, ob sie nicht bei den Hausaufgaben helfen könne. Und ihr Eintopf war in der ganzen Gegend berühmt.
Nun sind sie wieder zusammen, sie und ihr Mann. Es war ein langes, ein erfülltes Leben. Bis zuletzt haben die Kinder es möglich gemacht, dass sie aus diesem Fenster schauen konnte. Sie organisierten den Pflegedienst. Und die inzwischen älter gewordene Nachbarin wechselte sich gerne mit anderen ab und schaute immer wieder nach ihr, als es langsam dem Ende entgegen ging.
Der Engel schaute zu, als sie ruhig ein letztes Mal atmete und die Augen für immer schloss. Es war ein langes Leben. Nicht nur die Kinder und Enkel werden sie gerne in Erinnerung behalten. Auch die Nachbarn vermissen sie: Die nette Dame, für die Nachbarschaft ganz wichtig war. So war sie auch zum Schluss nie allein.
Der Engel verdrückt eine kleine Träne. Ja, auch Engel trauern. Es war ein langes Leben, das er begleitet hat. Ein bescheidenes und doch erfolgreiches Leben.
Traurig liegt er auf der Fensterbank. Und doch zufrieden. Sie hat es gut gemacht. So würde er auch gerne sterben.


Die Geschichte hat mir gut gefallen, besonders wegen der Mitmenschlichkeit.
Danke